Dein Begehren gehört dir: Weibliche Lust jenseits von zwei lauten Stimmen

von | Nov. 4, 2026 | Business, Coaching

Weibliche Sexualität. Mein größter Lehrer.

Ich habe selbst lange versucht, mich durch Bücher, Yoga und Meditation von meinen eigenen Begrenzungen zu befreien. Und dabei gar nicht bemerkt, wie ich mich immer wieder in neue Vorstellungen davon gepresst habe, was es bedeutet, eine freie, bewusste oder feminine Frau zu sein.

Heute weiß ich, dass unsere sexuelle Energie einer der größten Lehrer auf dem Weg in weibliche Selbstführung ist. Und dass eine Frau diese Energie durch und durch verkörpert. Alles in ihr vibriert darin, will dahin, schreit danach. 🌹

Warum weibliche Lust Bedingungen braucht

Diese wunderschöne Energie braucht Bedingungen, damit sie frei fließen und ihre Magie wirken kann. Und diese Bedingungen sind oft nicht da.

Durch die jahrtausendealte Verstümmelung weiblicher Lebendigkeit und Lust. Durch die unnatürlichen Lebensbedingungen, die wir in der „modernen Welt“ als normal definieren. Durch Überforderung, Trauma und die Vermännlichung des weiblichen Körpers. Durch Angst vor Kontrollverlust. Durch Leistungsdruck, Optimierungswahn und krankmachende Schönheitsideale. Durch die Idee, es gehe darum, hübsch auszusehen, statt roh und ungefiltert zu fühlen, was WAHR ist.

Als weibliche Lust heilig war – und wie sie verdammt wurde

Diese Wunde ist nicht privat. Sie ist alt.

Lange bevor Lust zum Problem wurde, war sie heilig. Die ältesten Darstellungen des Menschen, die wir kennen, zeigen Frauenkörper mit betonten Brüsten, Bäuchen und Becken: die Venus vom Hohle Fels, rund 40.000 Jahre alt, oder die Venus von Willendorf. Was genau diese Figuren bedeuteten, wissen wir nicht. Aber sie zeigen, wo der Blick der Menschen lag: auf Fruchtbarkeit, Fülle und dem Körper, aus dem Leben kommt.

In Mesopotamien wurde Inanna, später Ischtar, als Göttin der Liebe, der Lust und zugleich der Macht verehrt. Sumerische Liebeslieder besingen ihre Vereinigung mit Dumuzi ganz offen, als heilige Hochzeit, die Land und Leben fruchtbar macht. Begehren war hier kein Makel. Es war eine Kraft, die die Welt in Bewegung hält.

Dann verschiebt sich etwas. In den großen Erzählungen der folgenden Jahrtausende steht immer öfter der Held im Zentrum, der kämpft, siegt und im Krieg stirbt, und sein Ruhm wird wichtiger als das Leben, das gezeugt und genährt wird. Die Mythen erzählen diesen Bruch selbst: Im babylonischen Schöpfungsepos erschlägt der Held Marduk die Urmutter Tiamat und baut aus ihrem Leib die Welt. Im Gilgamesch-Epos weist der Held die Göttin Ischtar zurück und verhöhnt sie. Bei den Griechen bringt Pandora, die erste Frau, alles Übel in die Welt. Die Göttin dankt ab. Aus der heiligen Kraft wird etwas, das man bändigen muss.

Das Christentum hat diese Spaltung tief eingeschrieben. Augustinus verbindet die Begierde eng mit der Erbsünde. Papst Gregor der Große macht Maria Magdalena im Jahr 591 in einer Predigt zur reuigen Sünderin, ohne dass die Evangelien das hergeben. Und die Frau wird aufgeteilt in zwei Bilder, die bis heute in uns wirken: die reine Heilige und die gefährliche Hure. Im „Hexenhammer“ von 1486 heißt es sinngemäß, alle Hexerei komme aus der fleischlichen Begierde, die bei Frauen unersättlich sei. Was einmal verehrt wurde, wird jetzt verfolgt.

Und das reicht weit in die Moderne hinein. Im 19. Jahrhundert gilt die anständige Frau als von Natur aus leidenschaftslos, und wo sie es nicht ist, wird sie als „hysterisch“ behandelt. Die vollständige Anatomie der Klitoris wurde erst 1998 von der Urologin Helen O’Connell beschrieben. Viele von uns sind mit einem Körper aufgewachsen, über den nicht einmal die Medizin vollständig Bescheid wusste.

Mich interessiert dabei weniger der alte Streit um Matriarchat und Patriarchat. Mich interessiert, was davon heute in einer Frau weiterlebt, wenn sie sich schämt, sobald sie etwas begehrt. Die Jungianerin Nancy Qualls-Corbett hat dafür ein starkes Bild beschrieben: die heilige Hure. Gemeint ist kein historischer Beruf (ob es Tempelprostitution so gab, ist unter Historikerinnen umstritten), sondern ein Archetyp: eine Frau, deren Sexualität heilig ist und ihr selbst gehört. In meinen Augen ist genau dieses Bild in uns abgeschnitten worden. Und es will zurück.

Die moderne Sexualforschung beschreibt, was das im Körper bedeutet, mit einem einfachen Bild: Erregung entsteht im Zusammenspiel von Gaspedal und Bremse (das Dual-Control-Modell von Bancroft und Janssen). Bei vielen Frauen fehlt nicht das Gas. Die Bremse ist zu stark: Stress, Erschöpfung, Selbstbeobachtung, Unsicherheit. Und weibliches Verlangen entsteht häufig nicht spontan vorher, sondern erst im Kontakt und im Spüren (Rosemary Basson nennt das responsive Lust). Wenn du denkst, mit dir stimmt etwas nicht, weil die Lust nicht „einfach da“ ist, dann ist das oft gar kein Defekt. Es ist ein Körper, der unter falschen Bedingungen lebt.

… ohne dass du deine Lust zur nächsten Selbstoptimierungsaufgabe machst, statt sie als Information darüber lesen zu lernen, was dich tatsächlich nährt.

Zwei laute Stimmen – und keine fragt dich

Heute scheint das alles vorbei zu sein. Weibliche Lust ist überall sichtbar, in Reels, Podcasts und Ratgebern. Und trotzdem sind die alten Bilder nicht verschwunden. Sie tragen nur neue Kleider.

Was wir im Feld sehen: Es gibt zwei ziemlich laute Stimmen, wenn es um weibliche Lust geht.

Die eine sagt: Mach es wie die Männer. Wir sind schließlich gleich. Alles andere ist weibliche Unterdrückung.

Die andere sagt: Eine gute Frau ist für ihren Mann da. Ihre Lust liegt in der Hingabe.

Zwei Stimmen, die dir ziemlich genau erklären, wie deine Lust auszusehen hat. Und keine von beiden hat dich gefragt.

Die unbequeme Frage deines Begehrens

Dein Begehren konfrontiert dich mit einer ziemlich unbequemen Frage: Was willst DU eigentlich, wenn niemand dir sagt, was du wollen sollst? Was nährt dich wirklich? Wie tief kannst du dich von deinen Empfindungen durchdringen lassen? Und kannst du dazu stehen?

Auch wenn dein Gegenüber es dir vielleicht nicht geben kann. Auch wenn du damit aneckst. Auch wenn du nicht weißt, was daraus entstehen wird.

In der tantrischen Tradition ist Begehren (Kama) eines der vier legitimen Lebensziele, neben Dharma, Artha und Moksha. Es ist keine Schwäche, die du überwinden musst. Es ist Lebenskraft.

Freiheit liegt nicht darin, alles zu bekommen, was du willst. Sondern darin, dir überhaupt erst einmal zu erlauben, es zu wollen … und die Kraft, die dieser Hunger mit sich bringt, atmend durch dich zirkulieren zu lassen.

DEIN BEGEHREN GEHÖRT DIR. READ THAT AGAIN.

Und ja, das ist eine Praxis. Manchmal eine ziemlich herausfordernde.

Wo du anfangen kannst

Vielleicht nicht mit einer neuen Methode. Sondern mit einer ehrlichen Frage, heute Abend, ganz für dich allein: Was begehre ich gerade wirklich? Und dann spürst du hin, wo im Körper die Antwort sitzt, und lässt sie da sein, ohne sie gleich zu bewerten oder umzusetzen.

… ohne dass du dich zur „femininen Frau“ performst – sinnlicher, weicher, hingebungsvoller – und dabei wieder anfängst, einer äußeren Vorstellung davon zu entsprechen, wie Frau-Sein auszusehen hat.

Damit du deine Lust und Sexualität als eigene Kraft zurückgewinnst – ohne daraus die nächste Performance von „verkörperter Weiblichkeit“ zu machen.

Love, Shanaz 🤍

Häufige Fragen

Warum habe ich keine Lust, obwohl in meinem Leben alles funktioniert?

Weil weibliche Lust Bedingungen braucht. Stress, Erschöpfung, Leistungsdruck und Selbstbeobachtung wirken wie eine Bremse. Oft fehlt nicht die Lust, sondern der Raum, in dem sie entstehen kann.

Ist es normal, dass meine Lust erst im Kontakt entsteht?

Ja. Bei vielen Frauen ist Verlangen responsiv: Es entsteht erst im Spüren und in der Begegnung und ist nicht spontan vorher schon da.

Was bedeutet „heilige Hure“?

Der Begriff geht auf das Buch „The Sacred Prostitute“ der Jungianerin Nancy Qualls-Corbett zurück. Er beschreibt keinen historischen Beruf, sondern einen Archetyp: eine Frau, deren Sexualität heilig ist und ihr selbst gehört, jenseits der Spaltung in Heilige und Hure.

Shanaz Bukhari

Ich bin Heilpraktikerin für Psychotherapie mit körpertherapeutischem Schwerpunkt, Kultur- und Religionswissenschaftlerin (M.A., LMU München) und Ausbilderin für Yoga und somatische Prozessarbeit.

Ich bilde Yogalehrer:innen, Coaches und Therapeut:innen darin aus, Menschen körperbasiert, sicher und in der Tiefe zu begleiten. Frauen begleite ich in Online-Trainings, Workshops und einem Jahres-Praxisraum für Körper, Geist und Begehren darin, ihre Intensität zu verkörpern und aus ihr heraus zu führen. Einzelbegleitung biete ich in Saarbrücken und online an.

Fundiert statt high vibe, verkörpert statt Quick Fix, ohne spirituelle Abkürzungen.

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